9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
September 2026
22.09.2026. Die FAZ verliert den Glauben an CDU und FDP und wünscht sich eine neue bürgerliche Partei mit einer Zukunftserzählung. In der Zeit fürchtet der Publizist Roger de Weck um die Westbindung Deutschlands, die er von rechts, links und der SPD angeknabbert sieht. Güner Balci fragt sich im Spiegel beklommen, warum sich die Remmos und die Islamisten auf der Wahlparty der Linken so wohlfühlen konnten. Wer Antisemiten nicht mehr widerspricht, wird in Strategie und Methode der AfD immer ähnlicher, warnt die SZ. Außerdem: Wolfgang Kraushaar kommt im Perlentaucher auf den Mordanschlag auf das jüdische Altenheim in München 1970 zurück.
21.09.2026. Ok, zumindest war's das für dieses Jahr mit historischen Wahlen. In Mecklenburg-Vorpommern sinkt die CDU erstmals in allen Landtagswahlen unter 5 Prozent. In Berlin könnte die Partei Die Linke nach 37 Jahren wieder das Ruder übernehmen. Die taz feiert mit, andere Stimmen sind distanzierter. Außerdem: Srebrenica war nur die letzte Episode einer genozidalen Kampagne, erinnert Hasan Nuhanović, Überlebender des Massakers, in der FR. Auch die NZZ kommt auf den serbischen Nationalismus zurück. KI-Warnungen haben weiterhin Hochkonjunktur.
19.09.2026. In einer Demokratie kann keine Wahl eine siegreiche Partei dazu autorisieren, die Grundsätze der Gleichachtung zu missachten, meint in der FR der Politologe Rainer Forst mit Blick auf die AfD. Ein AfD-Verbot würde wohl eine Staatskrise auslösen, warnt Heinrich August Winkler indes in der FAS. Im Guardian rät Timothy Garton Ash dazu, von Artikel 37 des Grundgesetzes Gebrauch zu machen. KI macht uns dümmer, glaubt der Medienphilosoph Roberto Simanowski ebenda. Pessimismus aber auch, sagt der Soziologe Aladin El-Mafaalani in der SZ. In der NZZ skizziert die Politikwissenschaftlerin Elham Manea das feministische Dilemma um das Kopftuch.
18.09.2026. In der SZ stellen die Journalisten Shahrzad Osterer und Richard C. Schneider keine gute Prognose für die USA nach den Midterms und Israel nach den Wahlen. Analysen reichen nicht, wir brauchen Visionen: FAZ-Autor Simon Strauß schlägt ein neues "Fahnenwort" vor, um den Zwiespalt in Deutschland zu heilen. Die Welt fragt: Wie geht Labour mit Antisemitismus um in einem Land, wo zwanzig Prozent der Jugendlichen den 7. Oktober gerechtfertigt finden? Wer ist eigentlich "Campact", fragen die Ruhrbarone. Und jetzt haben sogar die Spatzen die Nase voll von Berlin, seufzt die FAZ.
17.09.2026. "Russlandversteher! Ich verstehe euch nicht", ruft in der SZ der russisch-schweizerische Schriftsteller Alexander Estis. In FAZ und taz singen der Schweizer Historiker Thomas Maissen und der Ethnologe Olaf Zenker je ein Liebeslied auf Deutschland und seine Demokratie. In der Welt fragt sich Güner Balci, welche Brücken die Spitzenkandidatin der Berliner Linken Elif Eralp in einer Hamas-freundlichen Moschee bauen will. In der Zeit erklärt Mouhanad Khorchide, warum er einen liberalen Islam lehrt - zur Not auch unter Polizeischutz. Die FAZ berichtet von einem bizarren Streit um das Kennedy-Center in Washington.
16.09.2026. Das Angebot an Erklärungen für den Erfolg der AfD ist inzwischen unüberschaubar - die Zeitungen überbieten sich auch heute. Die prominentesten Deuter sind heute Gertrude Lübbe-Wolff, Elisa Hoven, Frauke Rostalski, Marco Vöhringer, Ines Hackethal, Deniz Yücel, Boris Palmer und Detlef Pollack. Außerdem: Putins Angriffe auf die EU und Deutschland haben eine neue Qualität, warnt die Zeit. Dort spricht auch Bill Gates über die Gefahren von KI. Kamel Daoud kommt in Le Point auf Zohran Mamdanis blumige Rhetorik beim Gedenken an den 11. September zurück.
15.09.2026. Alle fragen, wie der Erfolg der AfD zu erklären sei und wie man sie am besten bekämpft. Ganz einfach, sagt Carolin Amlinger in der taz, mit "antifaschistischer Politik", und natürlich indem man Wohnungen zum Zehnfachen des Preises zurückkauft, zu dem man sie einst verkauft hatte, ergänzt der Historiker Uwe Fuhrmann ebenfalls in der taz, und mit "mehr Teilhabe, keiner Kapitulation der Politik vor der Ökonomie", fordert Ingo Schulze in der NZZ. Außerdem: KI muss nicht das Ende der Demokratie bedeuten, erklärt Taiwans Ministerin für Digitales Audrey Tang in Zeit Online.
14.09.2026. Die FAZ beschreibt die Sorgen der Ukraine vor dem Winter - währenddessen fordern Trump und Kushner die Ukraine auf, endlich klein beizugeben. Im Freitag will Mithu Sanyal nicht kriegstüchtig werden. In Zeit online befürwortet der Religionspädagoge Mouhanad Khorchide das österreichische Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren. In der taz erklärt Güner Balci, warum sie sich von Linken total im Stich gelassen fühlt. In der FAZ ist sich Steffen Martus sicher: Der Literaturbetrieb hat keine Wahl außer Caroline.
12.09.2026. Der Schock von Sachsen-Anhalt sitzt tief: Der Historiker Volker Weiß weist in der FR auf eine Hauptinspirationsquelle Ulrich Siegmunds hin: Die FPÖ mit ihrem Vorbild Jörg Haider. Ines Geipel deckt in der SZ historische Besonderheiten Sachsen-Anhalts auf - aber auch das Selbstbild des Westens ist erschüttert. Außerdem: Wolfgang Kraushaar beleuchtet in der FR den Einfluss des KGB auf die RAF. Die Welt publiziert Briefe von Holocaust-Überlebenden, die direkt nach 1945 geschrieben wurden. Die taz fragt: Was verdanken die iranischen Frauen dem Mossad? In der SZ schreibt Güner Balci über Faten Ben Omar, eine der Toten von Ceuta.
11.09.2026. 25 Jahre 11. September. Die Zeitungen versuchen den epochalen Bruch zu fassen. Die Täter waren bourgeoise Dandys, "bis dahin hatte der Islamismus als Bewegung fanatischer Hinterwäldler gegolten", schreibt Andreas Kilb in der FAZ. Für die taz beginnt mit dem 11. September der "antimuslimische Rassismus". Der Kolonialismus selbst ist das Verbrechen, meint der irakische Autor Sinan Antoon in der FAZ. In der Welt erinnern Henryk Broder und Reinhard Mohr an die bodenlose Empathielosigkeit deutscher Intellektueller nach dem Anschlag. Man hätte die Terroristen mit sauberen Energien bekämpfen sollen, meint Timothy Snyder in der SZ. Die Täter waren Hamburger, so nochmals die FAZ.
10.09.2026. Wahlen machen noch keine Demokratie, sind Aristoteles und der belgische Historiker David Van Reybrouck bei Zeit online überzeugt. Ist vielleicht der Säkularismus schuld am Wahlerfolg der AfD, überlegt in der taz der Theologe Christoph Maier. Putin wird demnächst seine Oligarchen anpumpen müssen, ist der Ökonom Marcus Keupp in der FR überzeugt, ob sie wollen oder nicht. KI hat ein mathematisches Millenium-Problem gelöst: mit etwas menschlicher Hilfe, berichten FAZ und SZ. Traumata pflegen heute vor allem die Eliten der oberen Mittelschicht, mokiert sich in der Zeit die Filmwissenschaftlerin Catherine Liu. Die SZ blickt fassungslos auf die Posting-Orgie, mit der Donald Trump die Grenzen anderer Länder umgestaltet.
09.09.2026. AfD-Wähler sind Faschisten, dröhnt die taz. Oder zumindest Rechtsextremisten, meint die SZ. Solche Vorwürfe machen sie gewiss nicht empfänglich für Rückholangebote, warnt der Politologe Christian Stecker bei Zeit online. Gut wäre auch eine Zukunftsvision, die nicht apokalyptisch ist, überlegt der Soziologe Hartmut Rosa in der SZ. Andere Themen: Anlässlich des Kopftuchverbots für unter 14-Jährige in Österreich erklärt der islamkritische Autor Murat Kayman, warum viele Muslime am Kopftuch ihrer Töchter hängen. Anlässlich des Jahrestags von 9/11 kritisiert Art Spiegelman im Tagesspiegel die USA.
08.09.2026. Der Paukenschlag von Magdeburg dröhnt fort. Die Zeitungen versuchen, sich ein Bild zu machen. In verschiedenen Politikfeldern wird ein AfD-Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt kräftige Gestaltungs- (und Zerstörungs-)hebel haben: Kultur, Bildung, Wissenschaft und innere Sicherheit. Die Mattigkeit der Merkeljahre hat die traditionellen Parteien ausgelaugt, so der Politikwissenschaftler Oliver Lembcke in der FR: Es fehlen Politiker mit Ausstrahlung und Autorität. Der Soziologe Hartmut Rosa will die Hoffnung in der Zeit nicht aufgeben: "Die Leute wollen eigentlich keine Arschlöcher sein." Aktualisierung: Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis ist raus: 83,33 der Autoren sind weiblich.
07.09.2026. 44 Prozent AfD, 5,3 Prozent BSW: Die Putinisten haben im Magdeburger Landtag die absolute Mehrheit. "Diese Wahl ist eine Zäsur", kommentieren die Zeitungen in ihren ersten Reaktionen. Kann es sein, dass die AfD auch so viel Zuspruch erhielt, weil der ganze Wahlkampf nur von ihr und nicht von politischen Problemen des Landes handelte, fragen Zeit online und die NZZ. Außerdem: Die SZ fragt, wie man Russlands hybriden Angriffen besser begegnen kann. Die taz fordert korrekte Weltkarten.
05.09.2026. It's the Culture, Stupid! Morgen sind Wahlen in Sachsen-Anhalt. FAZ und FR befassen sich mit dem Kulturprogramm der AfD - es ist ein Graus. taz und SZ erinnern an den 11. September, aber der Islamismus und die Verwüstungen, die er seitdem anrichtete, sind kein Thema. In der FAS fragt Ronya Othmann: Von wem ist die Rede, wenn der "Globale Süden" beschworen wird (und von wem eher nicht so).
04.09.2026. "Den Osten" gibt es nicht, hält der Ökonom Joachim Ragnitz im FAZ-Interview fest, es gibt nur starke und schwache Landkreise. Die Soziologin Karolina Wigura setzt im SZ-Gespräch auf die Macht der "moralischen Empörung" im Kampf gegen Populisten. Der Historiker Peter Techet warnt in der NZZ, dass Orbán vielleicht wieder an die Macht kommen könnte, wenn Peter Magyar das Land nicht wirtschaftlich stabilisiert. Im FR-Gespräch erklärt der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, wie man richtig zuhört, nämlich mit dem "Du-Ohr nicht-egozentrischer Aufmerksamkeit".
03.09.2026. Die Hochschulen in Sachsen-Anhalt könnten unter einer AfD-Regierung sehr leiden, befürchtet der Jurist Christoph Möller im Tagesspiegel-Interview. Europa hat immer noch nicht begriffen, wie existenziell die Gefahr ist, die von Russland ausgeht, warnt der Politikwissenschaftler Franz-Stefan Gady in der NZZ. Die Zeit porträtiert die Linken-Politikerin Elif Eralp, die mit extremen Kräften in ihrer Partei zu kämpfen hat. Die NZZ reist nach Litauen ins Lost Shtetl Museum, wo an die Geschichte der von den Nazis ermordeten litauischen Juden erinnert wird.
02.09.2026. Für die Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig scheint Russland verantwortlich zu sein: Eine "Eskalationsstufe", wie es sie seit dem Kalten Krieg nicht gab, kommentiert Zeit Online. In der SZ fordert der Rechtsprofessor Tristan Barczak moderne Gesetze, um sich gegen hybride Angriffe wie diesen wehren zu können. Der Kommunikationswissenschaftler Johanns Hillje analysiert in der taz, wie sich die AfD zum "Sehnsuchtsort" für Ostdeutsche stilisiert hat. Jörg Bagdahn, Präsident der Hochschule Anhalt, befürchtet bei einer AfD-Regierung katastrophale Entwicklungen für die Unis. Der Islamwissenschaftler Mouhanad Khorchide erinnert bei epd daran, wie nahe sich Judentum und Islam eigentlich stehen.
01.09.2026. Die ostdeutschen AfD-Wähler wollen dem Westen einen "übermächtigen Schlag" versetzen, glaubt der Soziologe Detlef Pollack in der FAZ. Eine AfD-Politik in Sachsen-Anhalt würde übrigens zu Einkommensverlusten in Höhe von durchschnittlich 1.600 Euro pro Person führen, rechnet der Ökonom Marcel Fratzscher in der taz vor. Wir sollten nicht von "Verdrängung", sondern von "Vergangenheitsabwehr" sprechen, sagt im SZ-Gespräch der Historiker Klaus-Dietmar Henke mit Blick auf die Nachkriegsgeschichte. Nicht viel Optimismus versprüht Adam Tooze bei den Berliner Festspielen während einer Diskussion über die Zukunft Europas, notiert Elke Schmitter im Perlentaucher.