24.08.2026. Benita Suchodrevs Fotobuch "Find me paradise " ist ein fotografisches Memorandum, gebaut aus Ekstase und Routine, menschlichen Torheiten und Triumphen. Ähnlich rastlos wie Suchodrev, aber auf eine ganz andere, ungleich stillere Art, war auch Fred Hüning, der vor Kurzem verstorben ist. Für ihn zählte nicht das Prestige, sondern nur die Fotografie: Sein Fotobuch "One Circle" ist heute Anschauungsmaterial für den fotografischen Nachwuchs von Montréal bis Helsinki.
Wenn Künstler sich über ihr Archiv hermachen, noch dazu Fotografen und Fotografinnen, kann es passieren, dass sie auf Unerwartetes treffen: Projekte, denen sie nicht weiter nachgegangen sind, weil sich plötzlich etwas anderes in den Vordergrund drängte. Arbeiten aus den Anfangsjahren, mit denen man nichts Interessantes mehr verbunden hat, und die in der Revision ein ganz neues Gesicht zeigen. Und zuletzt Dinge, die man Monat für Monat, Jahr für Jahr im Vorübergehen wahrgenommen und mit einer Betätigung des Auslösers festgehalten hat, egal, ob hastig wie ein Paparazzo, oder wie eine flanierende Phänomenologin im Geiste Walter Benjamins.
Gundula Schulze Eldowy weilt für kurze Zeit wieder in Berlin, um ihr Archiv in ihrem Pankower Atelier zu sichten. Dabei sind Bilder zum Vorschein gekommen, die noch nie ausgestellt wurden, die sie regelrecht vergessen hatte. Viele davon sind von derselben Qualität wie die Bilder aus ihrer legendären Serie "Berlin in einer Hundenacht". Mehr davon bei anderer Gelegenheit.
Auch Benita Suchodrev hat ihr Archiv durchforstet, die Lockdowns der Corona-Zeit boten ihr die Gelegenheit dazu. Am Ende gibt es nun ein neues Fotobuch mit dem Titel "Find Me Paradise", und um es unumwunden zu sagen: Das Buch und die darin abgebildeten Fotos sind ein Knaller.
Suchodrev hat mit diesem Buch ganz zu sich selbst gefunden. Sie hat davor gute, stringente Fotobücher gemacht, etwa zum sozialen und ökonomischen Niedergang des englischen Nordens am Beispiel des Seebads Blackpool - ein Buch, das ich in Fotolot gelobt habe, bei dem ich aber das Gefühl hatte, sie hätte auch noch weiter gehen und (wieder-)erkennbare Orientierungspunkte aus der Fotohistorie wie Anders Petersen, Bruce Gilden oder Daido Moriyama hinter sich lassen können. Das ist ihr nun mit "Find Me Paradise" gelungen.
Dass sich die Dichte des Buches auch Suchodrevs intensiver Beschäftigung mit offenkundigen wie entlegenen Aspekten des Berliner Nachtlebens verdankt (mit unleugbarer Nähe zu den Fotos von Miron Zownir), als Berlin für kurze Zeit tatsächlich der weltweit anerkannte "place to be" war, ist ein interessantes Detail, das jedoch nicht entscheidend ist. Einzelne Motive - ob ein totes Reh im Gras, ein Karussell im wolkenverhangenen Dämmerungslicht, eine an eine Eisenstange gefesselte, halbnackte Frau - fügen sich zu einer Abfolge, die so oder aber auch ganz anders hätte sein können. Dass das Rilke-Zitat "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang" dem Buch als Motto beigegeben wurde, ist kein Zufall: Das Buch ist ein Reigen, ein Totentanz, ein Fiebertraum, ein kalter Entzug, ein fotografisches Memorandum, gebaut aus Ekstase und Routine, menschlichen Torheiten und Triumphen.
"Shooting" ist als Begriff meist zu großsprecherisch und schlicht zu sexy für das, was am Ende den Output einer fotografischen Intervention ausmacht. Für Suchodrevs Fotos ist ein geradezu perfektes Wort: das Drücken des Auslösers, mit dem regelrecht eine Kugel auf das Gegenüber abgefeuert wird, egal, ob das ein lebendiger Mensch oder ein lebloses Objekt ist, eine Kugel, aus unstillbarer Neugierde gemacht, mit dem zündenden Funken optimistischer Gier, etwas temporär in Besitz zu nehmen und in etwas anderes zu verwandeln. Am Ende die Stille nach dem Schuss: rastlose Erschöpfung, weil man kein Ende damit findet und sich alternativlos wie ein Junkie bald wieder auf die Suche nach dem nächsten Fotokick begibt.
Wenige Bücher blättert man immer wieder gerne durch. Die Chance, dass Benita Suchodrevs "Find Me Paradise" von nun an zu den Glücklichen gehört, ist nicht gerade gering.
Benita Suchodrev: Find me Paradise. 400 Seiten, 17 x 23 cm, Hard Cover. Kehrer Verlag, Heidelberg 2026, 50 Euro. ISBN: 978-3-96900-236-0 - Zu erwerben bei eichendorff21, dem Buchladen des Perlentaucher.
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Ähnlich rastlos wie Suchodrev, aber auf eine ganz andere, ungleich stillere Art, war auch Fred Hüning.
Treue Leserinnen und Leser von Fotolot wissen, dass ich keine Nachrufe schreibe. In jüngerer Zeit hätte ich dazu bei Thomas Hoepker, Martin Parr und Timm Ullrichs Gelegenheit gehabt. Ein Nachruf aber verlangt von mir eine besondere Verbindung zum Verstorbenen, weshalb ich erst einen Nachruf geschrieben habe: den auf meinen Verleger Hannes Wanderer. Mit Fred Hüning ist nun ein Mensch und Fotograf gestorben, der in unmittelbarer Nähe zu Wanderer und damit auch zu meiner Geschichte steht, weshalb ich mir erlaube, darüber einige Wort zu verlieren.
"25books", der Laden von Hannes Wanderer, des legendären Verlegers von "Peperoni Books", war über Jahre ein beliebter Treffpunkt nicht nur der Berliner, sondern der internationalen Fotoszene. Wanderer hatte die seltene Angewohnheit, Lebensläufen, Hochschulabschlüssen oder guten Beziehungen keine besondere Bedeutung beizumessen. Was zählte, war nur die Fotografie, weshalb sich in seinem Verlag viele Werke von Quereinsteigern und Autodidaktinnen befanden, die in der Szene bis dahin noch nicht groß in Erscheinung getreten waren. Es ist also kein Zufall, dass Wanderer sowohl Fred Hünings Fotobücher als auch mein eigenes herausgab.
Um seiner Leidenschaft für die Fotografie nachgehen zu können, nahm sich Hüning eine Auszeit von seiner bürgerlichen Existenz, und war Mitglied des ersten Jahrgangs an der heute berühmten Ostkreuzschule für Fotografie. Zugleich war er Kommissar bei der Berliner Polizei, etwas, das er lieber für sich behielt, weil er argwöhnte, dass der Beruf in der Kunstszene nicht besonders hoch im Kurs stand. Fakt ist, dass ihn die Fotografie schließlich dermaßen gepackt hat, dass er den Polizeiberuf nicht mehr in vollem Umfang ausüben konnte.
Kein Wunder: Die Porträts seiner Partnerin Karoline und des gemeinsamen Sohnes sind in ihrer Intimität, Direktheit und Verspieltheit einfach großartig, sind mit Preisen bedacht worden, und haben es bis in die Londoner "Photographer's Gallery" geschafft. Das daraus resultierende Fotobuch "One Circle" ist heute Anschauungsmaterial für den fotografischen Nachwuchs von Montréal bis Helsinki.
Hüning hat dieses Feld nicht, wie andere das in ähnlicher Situation machen, weiter verlässlich beackert und zu Geld gemacht, sondern sich neuen Herausforderungen gestellt. Ob er mit Google Street View arbeitete; ob er nicht vorhandene Berliner Stadtberge kartografierte; ob er Barnett Newmans weihevolle, abstrakte Malerei in Stillleben mit bewusst banalem Inhalt überführte; oder ob er sich dem Thema "Pferd" von allen Seiten näherte - nie hat er lange gezögert, wenn er für etwas Feuer fing, gleichgültig, für wie abwegig es andere auch hielten. Dass er dadurch unberechenbar wurde - etwas, das Kuratorinnen und Sammler wenig schätzen -, war etwas, das er zwar selbst oft beklagt, das ihn aber nicht daran gehindert hat, seinen Weg unbeirrt weiter zu gehen.
Künstler haben nicht nur eine biologische Familie, sondern auch eine Wahlfamilie, und wenn ein Mitglied daraus stirbt, fehlt nicht nur ein lieb gewonnener Mensch, sondern ein wichtiges Gegenüber für die eigenen Ideen und Hervorbringungen. Als Hannes Wanderer 2018 mit gerade mal sechzig Jahren einem Herzinfarkt erlag, war das ein Verlust, den Fred und ich oft beklagt haben. Dass Fred selbst nun mit gerade mal neunundfünfzig Jahren gestorben ist, ziemlich genau zehn Jahre, nachdem er mir geholfen hat, meine Bilder bei "25 books" an die Wand zu hängen, ist eine bittere Pointe der Geschichte, und für mich das Ende von etwas, das vor mehr als zehn Jahren mit Fotografie und Leidenschaft für die Kunst begann.
Peter Truschner truschner.fotolot@perlentaucher.de
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