Der französische Dokumentarfilmer Claude Lanzmann führte Mitte der 1970er Jahre ein Interview mit dem ehemaligen jüdischen Funktionär Benjamin Murmelstein. Murmelstein war während entscheidender Phasen der nationalsozialistischen Judenverfolgung in Schlüsselstellen der jüdischen Administration tätig, die mit der Verfolgungsrealität unmittelbar konfrontiert wurden. Die heftige Kritik an seiner Rolle "zwischen Hammer und Amboss" - zwischen Täter und Opfer, wenngleich selbst Opfer - verstummte auch nach dem Krieg nicht. Ausgehend von dem umfassenden Interviewmaterial Lanzmanns untersucht Lisa Hauff, wie Benjamin Murmelstein seine Funktion ausübte und welche Strategien er unter dem nationalsozialistischen Druck und der sich verändernden Situation entwickelte. Das Interview wird so zu einem einzigartigen empirischen Fundstück, das neues Licht auf die Rolle eines umstrittenen Judenratsältesten in der Geschichte des Nationalsozialismus wirft und einen wichtigen Beitrag zur "Handlungsfalle", in der sich jüdische Funktionäre befanden, leistet.
L. Joseph Heid schätzt Lisa Hauffs Studie als Richtigstellung einer historiografischen Stigmatisierung und differenzierte, überzeugende, die Balance zwischen Empathie und kritischer Distanz haltende niedergeschriebene Gerechtigkeit. Die ganze Ambivalenz des Wiener Judenrats Benjamin Murmelstein zwischen Kooperation mit den NS-Schergen und Taktieren für die Errettung von Juden vor dem Holocaust vermag Hauff laut Heid aufzuzeigen. Dank der Autorin vermag der Rezensent die Alternativlosigkeit zu erkennen, mit der sich jüdische Funktionäre damals konfrontiert sahen.
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