Emma Cline

In die Schweiz

Roman
Cover: In die Schweiz
Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN 9783446288379
Gebunden, 384 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Irgendwann im nächsten Jahr wird sein Verstand ihn vollständig im Stich lassen, so die Prognose - und schon jetzt besteht die Welt für David zunehmend aus Rätseln. Was er weiß: Cody, der auf dem Sitz neben ihm schläft, begleitet ihn auf einer Reise. Ein Zwischenstopp in London. Ein Abendessen mit seiner erwachsenen Tochter. Das Ziel: die Schweiz. Während die Gegenwart sich auflöst, drängt die Vergangenheit heran: die Sonntagsbraten der Kindheit. Die steifen Kleider, die David für die Kirche trug. Die Sommer im Haus seines Freundes Tom. 

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.09.2026

Emma Clines Romane sind immer nahe am Zeitgeist, findet Rezensent Jan Küveler, und nahe an Themen, die nicht ganz einfach sind. In ihrem neuen Roman hat der Protagonist David Hastings Demenz, er weiß, dass er in einem Jahr kaum noch klare Momente haben wird, erklärt Küveler, deswegen fliegt er nach London, um eine Art verfrühten Abschied von den Menschen zu nehmen, die ihm am wichtigsten sind. Aber die Beziehung zu seiner Tochter Rebecca und seinem Enkel ist auch nicht ganz spannungsfrei, wie wir erfahren, sondern eher ein "Musterbeispiel an Entfremdung". Dass Rebecca mit einer Frau verheiratet ist, war dem Vater entfallen, er selbst hat leichte homosexuelle Züge. Cline schreibt darüber laut Küveler allerdings in einer "seltsamen Verklemmtheit", die jedoch durchaus sehr witzige Szenen hervorbringt, versichert er: Aus Versehen nimmt David etwa eine Prostituierte mit aufs Zimmer, einfach, weil er dankbar war, dass ihm noch jemand den Weg zeigen kann, aber es passiert nichts, denn er stellt fest: "Ich begehre meine Begierden nicht mehr." Insgesamt ist der Text relativ lose aufgebaut, so Küveler, Assoziationen und Eindrücke sind nicht immer miteinander verbunden, was zwar ganz gut zum Thema passt und an die von nur noch wenigen lichten Momenten durchbrochene Demenz Davids erinnert, aber auf Dauer ein wenig erschöpfend ist, resümiert der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.09.2026

Ein großer Wurf ist Emma Cline mit ihrem dritten Roman gelungen, jubelt Rezensent Nicolas Freund. Die Autorin orientiert sich diesmal ganz und gar nicht an ihrer eigenen Lebenswelt, sondern erzählt von einem älteren Mann, der unter Demenz leidet, seinem Leben, bevor die Krankheit noch schlimmer wird, selbstbestimmt in der Schweiz ein Ende setzen - und vorher noch seine Tochter sowie einen Jugendfreund besuchen möchte. Cline schreibt fragmentarisch und springt vor allem immer wieder hin und her zwischen der oft nur kurz angerissenen Erzählgegenwart und diversen Erinnerungssplittern oder auch kurzen Filmszenen, die die Autorin einbaut. Die "gedimmte Welt" Davids wird dadurch kunstvoll evoziert. Keineswegs gehe es Cline darum, deren auseinanderstrebende Teile wieder zu einem Ganzen zu vereinen, vielmehr betont sie die Brüche. Dadurch stellt der Text auch den Realitätsgehalt vieler Geschehnisse infrage. Entstanden ist das Bild einer "Gegenwart als Zustand des permanenten Verfalls", beschreibt Freund, der hin und weg ist von einem wagemutigen und im Blick auf David ganz und gar nicht voyeuristischen Buch. Höchstens noch ist dieses Meisterstück mit William Faulkners "Schall und Rauch" zu vergleichen, so der enthusiastische Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 20.08.2026

Rezensent Ronald Düker kann Emma Clines neusten Roman gar nicht aus den Händen legen, so sogkräftig erscheint ihm "In die Schweiz". Und das, obwohl Clines Geschichte um einen an Demenz erkrankten Unternehmer, der in der Schweiz begleitenden Suizid in Anspruch nehmen möchte, zunehmend deprimierender und bedrückender wird. Aber es ist so virtuos wie einzigartig, wie sich die Autorin in die "Psyche ihres Helden saugt", findet der Rezensent, der zudem staunt, wie es Cline gelingt, hinter Abgründen immer weitere Ausweglosigkeiten zu eröffnen. Hypnotisiert wird Düker nicht zuletzt dank Clines ebenso "makelloser wie gnadenloser" Sprache.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.08.2026

Nach Paul Jandls Rezension möchte man Emma Clines neuen Roman sofort lesen, so hymnisch bespricht er das Buch der Amerikanerin, die er ohnehin für eine "Ikone des neuen Erzählens" hält. Einmal mehr lässt sich der Kritiker ein auf das ausgefeilt gebaute Erzähllabyrinth, das Cline entwirft - hier an der Seite des siebzigjährigen Unternehmers David Hastings, der sich mit beginnender Demenz für einen assistierten Suizid in der Schweiz entscheidet. Allein wie die Autorin das Zerfallen der Erinnerungen, der Gefühle und des Gehirns beschreibt, in verschiedenen Schichten, erscheint Jandl so meisterhaft, dass er von einer "literarischen Elektroenzephalografie" spricht. Aus einer Erzählperspektive, die nur einen Hauch über den Figuren schwebt, es aber nie an Mitgefühl vermissen lässt, beschreibt Cline, wie David zunehmend alle Orientierung, Gewissheiten und emotionalen Verbindungen verliert, staunt der Rezensent. Vor allem aber bewundert Jandl, wie die Autorin "dem Rätsel des Menschseins seine Rätselhaftigkeit" lässt. Ein "Abenteuerroman des Alterns", ganz ohne Pathos und brillant von Nikolaus Stingl übersetzt, schließt der Kritiker.

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