S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026
ISBN
9783103976540 Gebunden, 224 Seiten, 25,00
EUR
Klappentext
Aus dem Französischen von Olga Radetzkaja. Eines Morgens wird Renata von einem unbändigen Freiheitsdrang erfasst: Sie kündigt ihre Stelle als Hausmädchen, setzt sich auf die Parkbank zu den Vögeln, lässt den Alltag vorbeistreifen. Und sie entfernt sich aus dem Korsett der Stadt und ihrer Beziehungen. Ein Handschuhverkäufer, ein Busfahrer, ein Zeitungsjunge - alle, die in ihren Weg geraten, fegt sie davon. Wer nach Befreiung strebt, dem wird das gewohnte Leben fremd. "Renata wasweiß-ich" ist ein waghalsiges Kunststück über den gesellschaftlichen Preis der Unabhängigkeit.
Nach fast sechzig Jahren kann Rezensent Fokke Joel diesen Roman von Catherine Guérard nun auch auf Deutsch entdecken: Es handelt sich um eine Mischung aus Stream of Consciousness und direkter Rede, in der die Protagonistin Renata ihren Job als Haushaltshilfe vom einen auf den anderen Tag aufgibt, ihr reicht es, sie zieht auf die Straße und nimmt nur wenig mit, "da wäre ein Koffer nicht das Richtige." Renata genießt die Freiheit, wie Joel verrät, der hier klare Bezüge auf feministische Debatten um Selbstbestimmtheit liest. Sie wird etwa als Clochard beschimpft, sie will keine Hilfe von anderen annehmen. Der Kritiker hätte auf einige der Wiederholungen verzichten können, die wohl die Bedeutung der Eigenständigkeit der Heldin betonen sollen, zum Schluss aber hält der Text noch eine überraschende Volte bereit, freut er sich. Renatas wichtigster Besitz ist ein Stapel Liebesbriefe, doch der Geliebte bleibt rätselhaft, nur, dass er Francois heißt, wissen wir, ihm ist das Buch gewidmet, sodass Joel es auch wie einen Brief an den liest, der sich hinter dem Vornamen verbirgt: Francois Mitterand, der zeitweise der Geliebte der Autorin war, wie wir zum Ende der Besprechung staunend erfahren.
Catherine Guérards Protagonistin ist wunderbar skurril, findet Rezensentin Nora Karches nach der Leküre dieses Romans um eine Aussteigerin, der erst knapp 60 Jahre nach seiner Veröffentlichung in Frankreich nach Deutschland gefunden hat. Die Heldin ist schon im fortgeschritteneren Alter, als sie beginnt, sich selbst und die Stadt, in der sie lebt - Paris - zu entdecken, erfahren wir. Freiheit ist für sie, sich "auf eine Bank zu setzen und die Vögel singen hören", zitiert Karches. Genau das macht sie, sie macht sich frei von den Erwartungen anderer und ist damit für Karches ganz gegenwärtig, kauft sich eine einzelne Baccararose und spaziert damit durch Paris, ohne dass es kitschig wird. Ganz im Gegenteil, die Rezensentin freut sich am sperrig-rauen Ton der Protagonistin, den Olga Radetzkaja so gelungen übertragen hat. Dass die Skurrilität irgendwann droht, in den Wahn zu kippen, ist für sie ebenfalls eine tolle erzählerische Volte - Karches ist froh, dass der Roman nun endlich auch auf Deutsch zu entdecken ist.
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