Essay

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Ein Pionier der Aufklärung

Essay 26.04.2022 Übermorgen vor 250 Jahren wurde der Altonaer Arzt und Aufklärer Johann Friedrich Struensee in Kopenhagen hingerichtet. Zunächst wurde ihm die Hand abgehackt. Drei Beilhiebe brauchte der Henker anschließend, um ihm den Kopf abzutrennen. Struensee hatte in Dänemark als Regent unter Christian VII. die erste totale Pressefreiheit der Welt erlassen. Er reformierte Dänemark in vielen Bereichen und revolutionierte die Öffentlichkeit und das Privatleben. Was hat ihn aufs Schafott gebracht? Von Frederik Stjernfelt

Aus dem Giftschrank gepurzelt

Essay 08.02.2022 Arte zeigte neulich den Splatter-Klassiker "Day of the Dead", aber dann auch ganz schnell wieder nicht. Aus der Mediathek wurde sogar der Programmhinweis gestrichen. Dem Sender war wohl nicht bekannt, dass der Film in Deutschland nicht nur indiziert, sondern regelrecht verboten ist. Wie ein ganzes Genre, das in Deutschland dadurch marginalisiert wurde. Um das verstehen, bedarf es einer Rückblende ins Zeitalter der Videotheken und der frommen Moralapostel. Und um es zu beenden, bedarf es einer Gesetzesänderung. Von Thomas Groh

Im Kern kulturrelativistisch

Essay 16.11.2021 Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat eine Anthologie herausgegeben, in der die Heroen und Heroinnen der demokratischen Idee aus dem 19. Jahrhundert gewürdigt werden. Aber so sympathisch das Anliegen, man spürt doch die Absicht: Ein Anthologie entpolitisiert die Geschichte, reduziert sie auf Einzelschicksale und stellt alles ins milde Licht der Diversity. Was fehlt sind nicht nur einige Protagonisten wie Ludig Börne oder Ferdinand Lassalle. Was fehlt, sind der Rahmen und auch die Genealogie der problematischen Linien deutscher Politik. Von Peter Mathews

Klangvergessenheit

Essay 27.08.2021 Die Geschichte der Neuen Musik ist eine der Befreiung der Klänge. Was die Befreier aber nicht bedacht haben: Die Freiheit von den Form- und Strukturzwängen der Harmonielehre erweist sich als gleichbedeutend mit der Entsorgung von Affekten, Gedächtnisspuren und Assoziationsbahnen und damit von potenziellen Klangresonanzen jedweder Art. Man hatte gewissermaßen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und anschließend gehofft, für das Unerhörte, das man zu erforschen begann, würde sich irgendwann ein neuer Subjektraum mit neuen Gesten und Gefühlen von selbst einstellen. Claude Debussy beschritt den anderen Weg. Von Daniele Dell'Agli

Im neuen Turm zu Babel

Essay 23.08.2021 Seit dem "narcissistic turn" verlangt jede Gruppe, durch Sternchen oder Unterstriche in ihrem Sosein respektiert zu werden. Es sind keine anonymen Mächte, die diese neuen Gepflogenheiten einführen. Die Verantwortlichen sitzen in Geschäftsleitungen und Redaktionen. Aber ist es nicht so, dass literarische Texte einen Widerstand gegen die an gruppenspezifischen Empfindlichkeiten ausgerichteten Ansprache-Formeln entwickeln, eben weil Literatur potenziell mit allen spricht? Wortwechsel einer Lektorin und einer Übersetzerin. Von Katharina Raabe, Olga Radetzkaja

Queer - oder die Einebnung von Unterschiedlichem

Essay 14.07.2021 Die Entschwulung der Sprache zugunsten des Wörtchens "queer" bedeutet, alles in allem, nicht nur die Entkörperlichung der Bilder, die mit "schwul" aufgerufen werden; in "queer" ist alles getilgt, was an Begehren eben im Sexuellen unhintergehbar, mit Freud gesprochen, triebschicksalhaft ist. Die Vokabel "queer" macht aus dem Schicksal eine Lifestyle-Option - und zugleich eine neue Normierung: In "schwul" war lediglich ein antinormativer und antihomophober Impetus geborgen, nicht jedoch ein moralischer Anspruch, dass ein homosexueller Mann in allen Aspekten anders zu sein habe. Von Jan Feddersen

Historikerstreit 2.0, zweiter Teil

Essay 20.06.2021 Von der Mbembe-Debatte über das Papier der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" bis zur "Jerusalem Declaration" und A. Dirk Moses' Spott über den "Katechismus der Deutschen": Die Saison 20/21 wird nicht nur als die der Coronakrise in die Geschichte eingehen, sondern auch als Moment eines (zumindest eifrig betriebenen) Paradigmenwechsels in der Debatte über den Holocaust. Im ersten Historikerstreit hatte Ernst Nolte den Holocaust als "asiatische Tat" relativiert. Die Protagonisten des zweiten Historikerstreits stellen die Bedeutung des Holocaust von links, aus der Warte des Postkolonialismus, in Frage. Ein Überblick über die wichtigsten Texte der Debatte. In diesem zweiten Teil geht um A. Dirk Moses' "Katechismus" und die Folgen. Von Thierry Chervel

Historikerstreit 2.0 - eine Chronologie

Essay 20.06.2021 Von der Mbembe-Debatte über das Papier der "Initiative GG 5.3 Weltoffenheit" bis zur "Jerusalem Declaration" und A. Dirk Moses' Spott über den "Katechismus der Deutschen": Die Saison 20/21 wird nicht nur als die der Coronakrise in die Geschichte eingehen, sondern auch als Moment eines (zumindest eifrig betriebenen) Paradigmenwechsels in der Debatte über den Holocaust. Im ersten Historikerstreit hatte Ernst Nolte den Holocaust als "asiatische Tat" relativiert. Die Protagonisten des zweiten Historikerstreits stellen die Bedeutung des Holocaust von links, aus der Warte des Postkolonialismus, in Frage. Ein Überblick über die wichtigsten Texte der Debatte. Von Thierry Chervel

Wo der Hammer hängt

Essay 04.03.2021 Laut Aleida Assmann, den versammelten deutschen KulturfunktionärInnen und über tausend zustimmenden KünstlerInnen kann man entweder einen richtigen oder einen falschen Antisemitismusbegriff haben. Wer letzteren verwendet, ist "rechts", weil er "Unterdrückungserzählungen monoploisieren" will. Krasser wurde der Holocaust seit Ernst Nolte nicht relativiert. Aber zum Trost hat diese Schule noch ein "Sowohl als auch" parat: BDS zum Beispiel ist sowohl falsch als auch richtig. Ein Paradigmenwechel, und wie er zu Politik wird. Von Thierry Chervel
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